Schwimmen in Geld - ein Buchprojekt
Im Jahr 2017 veröffentlichte ich ein Buch mit dem Titel „Schwimmen in Geld - private Hallenbäder des deutschen Wirtschaftswunders“, das im Kettler Verlag erschien. Über zehn Jahre lang hatte ich Fotos von unterirdischen privaten Schwimmbädern dazu gesammelt.

Private Hallenbäder des deutschen Wirtschaftswunders
Wie lange habe ich über dieses Thema nachgedacht? Immer wieder bin ich darauf zurückgekommen, immer, wenn ein neues, altes Bad auftauchte, dachte ich: da müsstest Du doch eigentlich irgendwann mal ein Buch draus machen.
Es fing an mit dem langsamen Verfall des Bades im Haus meiner Eltern, einem schicken Bungalow aus den 5oern. Dann bauten wir als beauftragte Architekten ein Bad in Bochum zu zwei Kinderzimmern mit Schlafnischen im leeren Becken um. Später wurde ein schönes Hallenbad in der ersten Etage, ein Zwischenbau über drei Garagen, der zwei Häuser einer Großfamilie miteinander verband, zu Räumen einer Seniorenwohngemeinschaft; ein überdachter Pool in einem Garten wurde zu einem Froschteich.
Und so ging es weiter, ein Bautyp schien zunächst zu verfallen, dann zu verschwinden, der Nachwelt abhanden zu kommen.
Nun bin ich kein Architekturhistoriker, sondern Architekt. Bücher zu machen, gehört nicht zu meinen Alltagsaufgaben und Schwimmbäder tauchten immer nur vereinzelt als Um- oder Rückbauaufgabe für unser Büro auf. Ab und zu kam mal ein Außenpool für eine neue Villa auf uns zu, aber die waren meist vergleichsweise schlicht und funktional und lange nicht so opulent und spielerisch wie die der jungen Bundesrepublik.
Um wenigstens einigen dieser größtenteils unterirdischen Tempel der Freizeit zu späten Ehren zu verhelfen, ließ ich sie vor der Veränderung jeweils fotographisch dokumentieren. So sprach sich mein Interesse irgendwann herum und ich erhielt Informationen über weitere, frühe Bäder aus der Zeit, als es noch nicht zum gesellschaftlichen Muss gehörte, im Schlafzimmer ein Laufband oder andere Sportgeräte zur beinahe zwanghaften Körperertüchtigung aufzubewahren.
Dabei ging es mir nicht um eine baugeschichtlich-wissenschaftliche Anthologie, vielmehr wollte ich ein kleines Zeitdokument einer ungewöhnlichen Aufgabenstellung für Architekten und Künstler zusammenstellen, die mehr als alle anderen Bautypologien etwas von der wiedergewonnenen Lebensfreude nach der drastischen Zäsur des 20sten Jahrhunderts aussagt; einer Aufgabe, die den offensichtlich unverwüstlichen Selbsterhaltungstrieb und das gleichermaßen wiedergefundene Selbstbewusstsein der Generation meiner Eltern belegt. Für mich ist dieser Umbruch in allen Bereichen des Alltags, des gesamten Lebens, der sich gestalterisch im Weg vom schwungvollen Wiederaufbau der 50er über die Schlichtheit und Versachlichung der 60er hin zum beinahe dekadenten Form- und Farbreichtum der 70er Jahre vollzog, ein großes Wunder.
Richard Schmalöer
im September 2016

SCHWIMMEN IN GELD
Wie das Wasser glitzert auf den alten Farbfotos und in der Erinnerung; 8 Jahre alt war ich, als wir in dieses Haus einzogen, das Schwimmbad war noch brandneu damals, erst 4 Jahre zuvor hatten die Vorbesitzer es in einer gewaltigen Aktion im Garten des noch jungen Bungalows gegenüber des großen Parks versenken lassen; die breite Straße war kahl, die Bäume in den Gärten der ungewohnt niedrigen Häuser noch klein, kaum Autos auf dem Parkplatz des Gymnasiums auf der anderen Straßenseite, auf das ich zwei Jahre später gehen sollte, der erste Jahrgang mit gemischten Klassen, die kleinen Jungen auf dem großen, weitläufigen Schulhof; alles atmete Großzügigkeit und Modernität in diesem neuen Viertel, das gleichzeitig mit der Bundesgartenschau im Park entstand und den Ruf der Industriestadt aufwerten sollte.
Hier zogen die Gewinner des Wirtschaftswunders ein, die schwerreiche Gattin des verstorbenen Industriellen, die Ihre Einsamkeit mit Alkohol erträglich zu machen suchte, und sich mit den Erbauern unseres Hauses den gemeinsamen Hof teilte; zwei schöne, schlichte Backsteinfassaden, dazwischen der mit Grauwacke gepflasterte Platz, auf dem mein Bruder und ich mit den Freunden Ball spielten und mit Go-Karts und Bonanza- und Klapprädern im Kreis fuhren; im Haus der alten Dame war es ruhig, in unserem turbulenter, die Vorbesitzer hatten viele Kinder und sieben große Hunde: Chow-Chows, ungeheuer zottelige Biester, die das junge Haus schnell ziemlich alt aussehen ließen; auf dem Hof vor dem zweiflügeligen, hölzernen Garagentor stand ein amerikanischer Wagen, der Ami-Schlitten, wie wir damals sagten; das große Haus, das Schwimmbad, das teure Auto: Irgendwann war das schnell verdiente Geld des ersten Aufschwungs aufgezehrt; mein Vater, dessen Firma für Herrn H. gebaut hatte, übernahm das schicke Haus aus der Insolvenzmasse und so zogen wir 1970 vom Reihenendhaus am nördlichen Rand des Arbeitervorortes in den Bungalow am südlichen Rand der Innenstadt, trotz der nur knapp 200 Meter, die zwischen den beiden Gebäuden lagen: Was für ein Aufstieg!, was für ein Wandel, der Vater war zum Unternehmer geworden, die Baufirma wuchs und baute und baute und weil es so schön lief auch schon mal ein Geschoss zu viel auf ein Hochhaus, wenn der Polier nicht aufpasste.
Gäste kamen und gingen im neuen Haus; die Mutter, trotz der vier Kinder immer die schöne Unternehmergattin und stolze Gastgeberin, und wir vier Kinder hatten jetzt ein glitzerndes Schwimmbad im Keller, offensichtlich waren wir die Kinder wohlhabender Eltern, was ich als Achtjähriger nicht wusste, nicht bedachte, gar nicht in Betracht zog; als Kind hatte ich den Eindruck, allen unseren Freunden ginge es gut, alle hatten solche Fahrräder wie wir, dieselben Spielsachen, dieselben Klamotten, Markenkleidung gab es ohnehin noch nicht; mit 15 bekamen alle ein Mofa, meins war sogar besonders klapprig im Vergleich mit denen meiner Freunde, schon mein älterer Bruder war darauf ein paar Jahre durch die Stadt gezuckelt, wenn er blau machte, die Schule schwänzte, in der die Lehrer auf die Bonzen schimpften, die in Häusern wie unserem wohnten, in denen sich die riesige Fensterfront mit den Messingprofilen zum Garten nach Süden öffnete, wie es einer der Lehrer minutiös beschrieb.
Aber natürlich wohnten nicht alle Freunde in so einem Haus, schon gar nicht mit so einem Schwimmbad, aber auch in den Mietwohnungen der anderen Jungs ließ es sich wunderschön spielen und die Zeit vertrödeln, auch da wurden wir gut bewirtet, wenn wir Hunger hatten, egal womit die Eltern ihr Geld verdienten, oder besser: die Väter das Geld verdienten, die Mütter waren zuhause, bügelten und schmierten Brote, schenkten Limonade von Aquella ein, dem frühen Lieferdienst, der die Kästen ins Haus brachte, weil die Mütter, die für die Einkäufe zuständig waren, noch keine Autos hatten; die Straßen waren leer, boten viel Platz zum Spielen, Autos kamen erst später.
Man hatte kein Gefühl für den eigenen Wohlstand, den der Vater mit ins neue Haus brachte, ohne davon zu erzählen, darüber zu reden, wir Freunde tobten auf den Kindergeburtstagen durch Haus und Schwimmbad, aber genauso oft waren wir in den kleineren Häusern oder den Wohnungen der anderen Kinder zu Gast; die Tage bestanden aus Schule, Mittagessen mit Mutter und den Geschwistern, danach Fußballspielen auf der Gemeindewiese, Herumtoben auf benachbarten Baustellen - überall gab es noch verwilderte Grundstücke, die auf das Wachstum der Stadt warteten und nach und nach bebaut wurden -; die Stadt war grau und voller Ruß, das Ruhrgebiet machte seinem Namen alle Ehre und wenn wir mit unserer Handballmannschaft zu sechst im goldenen Ford Capri unseres während der Fahrt genüsslich rauchenden Trainers durch den industriellen Norden der Stadt fuhren, staunten selbst die Ruhrgebietskinder über die gigantischen Mauern, die riesigen Schlote, die ungeniert, ja sogar stolz ihren schwarzen Rauch in wolkengroßen Gebilden in den Himmel schickten, über den Geruch von Malz, der in den Straßen der Brauereien hing, über Kühl- und Fördertürme, über all das, was heute als Relikte einer vergangenen Epoche zur touristischen Attraktion ausgebaut wird, wie die Schlösser in den kleinen Städten im Süden der Republik; die drohenden Kulissen unserer Kindheit, von deren Bedeutung wir nichts wussten, die aber den Wohlstand brachten, in unsere Stadt, in unser Haus.
Vaters Firma baute kontinuierlich auf einer Zeche in einer Nachbarstadt und von dem Verdienst profitierten wir Kinder mit zunehmendem Alter immer mehr; der ältere Bruder bekam ein Pferd, die Schwester hatte ein Auto; seltsame Kisten waren das mitunter, der silberne K 70, ein Exemplar der weniger erfolgreichen Baureihen von VW, auch einen kleinen gelben Fiat fuhr sie eine Zeitlang, der nach dem Regen immer eine Pfütze im Fußraum hatte; als mein älterer Bruder 21 wurde, standen schon vier Autos auf dem Hof, für die unsere Hälfte nicht mehr ausreichte, so dass die geduldige, ständig angesäuselte Nachbaroma um Hilfe gefragt wurde, was kein Problem darstellte, und so sehe ich die gelbe Silhouette des Fiats oder später die grüne von Volkers kleinem klapprigen Peugeot noch auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes vor der dunklen Ziegelwand stehen.
Man nahm die Veränderung unseres Lebens nicht wahr, alles schien selbstverständlich in dieser glückseligen Wohlstandswelt der 60er und 70er Jahre, auch der erste autofreie Sonntag, Sinnbild der beginnenden Veränderung, erschien uns Kindern als Abwechslung und Bereicherung; in unserem weitestgehend unpolitischen Haus machte man sich keine Gedanken über das Weltgeschehen, über die eigene Zukunft, die im Widerschein des glitzernden Pools wunderschön aussah; Dinge wie Vernunft oder Verantwortung hielt unsere behütende Mutter von den beiden jüngeren der vier Kinder fern und auch der Vater hielt sich erzieherisch zurück; solange wir gut im Sport waren und in der Schule nicht sitzenblieben, bekamen wir kaum etwas von ihm mit, ein paar Minuten beim Frühstück, ab und zu beim Mittagessen, beim Abendessen, das Mutter vor dem Fernseher servierte; Erziehung war eindeutig Frauensache, Mutters Auftrag, und Mutter war gnädig, großzügig, als der Wohlstand wuchs, und liebevoll und so genossen mein Bruder Dirk und ich die Kindheit und Jugend im großen lichtdurchfluteten Bungalow gegenüber des Parks, genossen das unterirdische Schwimmbad mit dem aufsehenerregenden Fliesenrelief aus Meeresmotiven an der gesamten Längswand und Vater stand in Badeschlappen am Beckenrand, die Stoppuhr in der Hand, die Badehose bunt gemustert, den Oberkörper in weicher, gut gepolsterter Wirtschaftswunderkontur, die dünnen Beine etwas unpassend dazu und die beiden Jüngsten kraulten um die beste Zeit durch das 10-Meter-Becken; alle Rekorde wurden fein säuberlich in ein Schulheft mit grünem Schutzumschlag eingetragen, das immer im Schrank mit den Ersatz- und Besucherbadehosen lag, die wir für Freunde bereithielten.
Wenn Mutter das Essen vorbereitet hatte, meldete sie sich durch das kleine Sprechgerät neben der Tür, die zum langen Flur nach oben führte; dieser Flur war Teil einer Inszenierung: der Weg zur Schwimmhalle und die staunenden Blicke der Erstbesucher, wenn sie aus dem dunklen Flur in die Glitzerwelt des Wassers traten und sämtliche Lichter, auch die Unterwasserscheinwerfer, von denen einer ständig kaputt war, die Wellenbewegungen als wunderschöne Reflexion an Decken und Wände warfen.
Dann kamen die Mädchen dazu, Schwestern von Freunden, die erste eigene Freundin und das Schwimmbad wurde zum geheimen Rückzugsort, zum Ort erster Erfahrungen; für die Mädchen hatten wir keine Ersatzbadekleidung und die ersten alkoholisierten Abende taten ein Übriges; die ersten Partys, sowohl die der Eltern, während der wir uns in dem Technikkeller noch unter dem Schwimmbad verkrochen, um da den abgezwackten Alkohol zu testen, den Aufgesetzten, den Rumtopf, die Weine, die zu der Zeit noch süß waren, bis uns das Bellen unseres Hundes verriet und Mutter plötzlich im niedrigen Betonflur vor uns stand; gab es Ärger?, ich glaube, es hielt sich in Grenzen, Mutter war gnädig und an diesem Abend in bester Partylaune.
Und unsere eigenen Feiern: wenn die Eltern nicht da waren, saßen wir im Kaminzimmer und irgendwann kam jemand auf die Idee, in die Sauna oder ins Schwimmbad zu gehen, meistens Gäste, die seltener hier waren, und plötzlich fanden wir die Tür zum Pool von innen verschlossen und fragten uns, wieso, bis wir bemerkten, dass Zwei fehlten, ein forscher Bursche aus der Klasse eines Freundes, heute ein berühmter Schauspieler, der mit einem hübschen Mädchen im romantischem Licht der Unterwasserleuchten den Pool genoss.
Als ich 18 wurde, war kein Wasser mehr im Becken und die Schwimmhalle wurde zum Partyraum; dass meine Eltern das zuließen, wundert mich noch heute, als Absturzsicherung stand am Beckenrand nur eine Reihe von Teelichtern, die im Laufe des Abends erloschen; niemandem ist etwas passiert, bis auf einen ordentlichen Kater am Tag danach gab es keine Blessuren.
Nach dem Abitur wurde es ruhiger in unserem Schwimmbad, die engsten Freunde zogen zum Studium in andere Städte; ich blieb noch lange in diesem großen Haus; behütet und betreut von Vaters Vermögen und Mutters Wärme und Großzügigkeit, kam ich seltsamerweise gar nicht auf die Idee, eine eigene Wohnung zu suchen; erst als ich zum Studium nach Barcelona ging und mein jüngerer Bruder zeitgleich nach Heidelberg, veränderte sich das Leben im Bungalow; irgendwann verfiel das Bad in eine traurige Trockenheit, die Technik funktionierte nicht mehr und niemand nutzte das Wasser, niemand hatte Lust zu schwimmen, so dass der Vater es still legte; erst als Dirk und ich sechs oder sieben Jahre später selbst Kinder hatten, über die sich die Großeltern sehr freuten, wurde es reaktiviert; mein Vater baute sogar einen kleinen Nichtschwimmerbereich ein, um den Enkeln das Schwimmen beizubringen, aber auch das war nur eine Phase; die Eltern waren keine Fitness- und Gesundheitsapologeten und Energie wurde teurer und teurer, der Bauwirtschaft ging es schlechter, der Wohlstand drohte zu bröckeln, Anfang der 90er überließ der Vater meiner Schwester und ihrem Mann die Baufirma; ich stieg nach dem Studium in seiner zweiten Firma ein, in der wir uns mit der Entwicklung und Vermarktung von Immobilien befassten, was sehr gut lief, im Gegensatz zum Baubetrieb, der zehn Jahre später in Insolvenz ging; da war ich aus dem Bauträgergeschäft schon wieder ausgestiegen, zu schwierig war die Zusammenarbeit von Vater und Sohn und ein eigenes Architekturbüro war ohnehin immer mein Ziel gewesen; in den väterlichen Betrieben verwaltet die Familie meiner Schwester noch heute die Relikte einstigen Wohlstands; das Elternhaus in der Sckellstraße stand nach dem Tod meines Vaters 2015 - meine Mutter war bereits acht Jahre zuvor gestorben -, eine Zeit lang leer, bis mein jüngerer Bruder und ich uns entschlossen, das Haus von unseren Geschwistern zu übernehmen, zu renovieren und zu vermieten; vielleicht werden wir es irgendwann an unsere Kinder weitergeben, die in diesem unterirdischen Pool schwimmen gelernt haben genau wie wir; und vielleicht ist es kein Wunder, dass wir beide uns nicht von diesem Haus trennen wollen; wir sind ohne Frage diejenigen der vier Geschwister, die am meisten Erinnerungen an die 25 Jahre in der Sckellstraße haben und vermutlich auch die schöneren; für mich erscheint die Jugend in diesem Haus so leicht und unbeschwert, wie es die Architektur der Nachkriegszeit evozieren wollte; für mich war es eine wunderbare Zeit, in der das Grau der Industriestadt deutlich überstrahlt wurde vom blauschimmernden Schein des unterirdischen Pools der Glückseligkeit.
Richard Schmalöer im März 2016
reBorn111
Für und mit der Julius Ewald Schmitt Wohnungsbaugesellschaft habe ich drei Ausstellungen in der Dortmunder Nordstadt konzipiert, um das seit Jahren leerstehende Gebäude Bornstraße 111 bis zum Beginn seiner Instandsetzung und Reaktivierung zu bespielen. Die Ausstellungen waren vom 19. September bis zum 7. November 2025 unter dem Titel reBorn 111 zu sehen. Sie bestanden aus folgenden drei Komponenten:
Kunst:
Liza Diekwisch und Julius Linnenbrink zeigten „Eine Königin unter der Estrada“. Der Name spielt auf die letzte Nutzung eines Teils des Gebäudekomplexes als Bar und Bordell an.
Architektur/Landschaftsarchitektur:
Unter dem Titel „Gutes von gestern“ präsentierte die Julius Ewald Schmitt GmbH & Co KG ihre aktuellen Projekte zu Umbau-, Modernisierungs- und Wohnumfeldverbesserungsmaßnahmen, sowie die Planungen für zwei Neubauten.
Design/Stadtraumgestaltung:
Das Amsterdamer Büro La Bolleur, Gestalter der Ausstellungsräume, hat mit einem siebenköpfigen Team zwei Tage lang Dortmund erkundet und dabei aus einer anfänglichen „Mission Dortmund“ eine „Vision Dortmund“ entwickelt, zu der Videos, Fotografien, Texte und Installationen gezeigt wurden.
Meilensteine
Das Programm der Dortmunder Philharmoniker für die Spielzeit 24/25 trug den Titel Meilensteine. Ich wurde gebeten, für das Programmheft einen Text über architektonische Meilensteine unserer Stadt zu schreiben. Die hier zu lesende Version ist die erste Fassung, die im Heft in gekürzter Form erschien.
um Meilensteine soll es gehen, Meilensteine der Architekturgeschichte und des Städtebaus in Dortmund; die Stadt des Gebauten in gewisser Weise mit dem Ort der Musik zu verbinden; wenn ich von dem ausgehe: dem Ort der Musik, der unter seiner Schildkrötenkuppel die Leichtigkeit des Wiederaufbaus und den Optimismus des Wirtschaftswunders miteinander verbindet und damit dem Meilenstein der Vernichtung, der gerade erst elf Jahre zurück lag, als man den Entschluss zum Bau einer neuen Oper fasste, etwas entgegensetzte, dass bis heute Gültigkeit hat: die Kultur muss die Barbarei besiegen; unter diesem Vorzeichen ist die schützende Kuppel ein schönes Bild dafür, welch wichtige Rolle man Architektur und Städtebau als Bestandteil von Stadt und ihrer Gesellschaft zuschreiben muss: sie sind der Ausgangspunkt, sie sind das Skelett, das Fleisch, sie sind die Blutbahnen, sie formen den Körper der Stadt, ohne sie entsteht kein Raum für die Menschen; unter dieser Kuppel also: die Kunst, Musik, Kultur und das Leben;
jede Entwicklungsstufe in der Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte von Behausungen, ist verbunden mit der Sehnsucht nach einem Ort; die Kuppel der Oper symbolisiert auf das Wunderbarste diesen Ort, den geschützten Raum für die Kunst; ich mag sie sehr, diese grüne Kuppel, auch wenn man ihr vor einigen Jahren im vorauseilenden Gehorsam der Brandschutzexperten zwei lächerliche Froschaugen auf den höchsten Punkt ihrer Wölbung gesetzt hat, so als wollten die Zuständigen unter Beweis stellen, dass ihnen jede Sensibilität für das, was im Inneren der Kuppel stattfindet, fehle, so als wollten sie die Ernsthaftigkeit von Kunst und ihrer Bedeutung infrage stellen;

und so entstehen vielleicht Meilensteine: im ewigen Wechsel von Kultur und Barbarei, die man - wenn man es weniger drastisch mag – auch Gedankenlosigkeit, Gefühllosigkeit, Unkenntnis oder eine Mischung aus vielen ähnlichen Eigenschaften nennen könnte; so wird aus dem prachtvollen Stadtkern der freien Reichs- und Hansestadt aus dem 13. - 15. Jahrhundert erst durch den Krieg und dann durch das Leitbild der autogerechten Stadt ein von einer Tuner-Rennstrecke umschlossenes Zentrum der Belanglosigkeiten und des Asphalts: unsere Innenstadt;
wie anders das mal war, selbst im ersten Aufbruch in die Welt der Großstadt, zu Beginn der Industrialisierung noch; der Wall war eine schön gestaltete Allee, gesäumt von Gebäuden von hoher architektonischer Qualität, aufgereiht wie auf einer Perlenkette der Besonderheiten; ich kann nicht über Meilensteine reden, ohne die verpassten Chancen zu betrauern, aber auch nicht, ohne die noch vorhandenen Optionen auf Schönheit zu erwähnen; den Wall nicht als Boulevard of broken dreams, sondern als wunderbare Flaniermeile mit Aufenthaltsqualität, statt als neunspurige Straße mit Radarfallen zur Geschwindigkeitsbegrenzung zu sehen, das ist eine meiner liebsten Vorstellungen;

das muss doch möglich sein!, eine Kult-Tour um den Wall mit Oper, Fußballmuseum, Bibliothek und dem U, einem wirklichen Meilenstein, dessen größte Qualität aber im Grunde nicht in seiner Architektur oder den bewegten Bildern der Krone besteht, sondern im Durchhalten des politischen Prozesses der Realisierung; und auch wenn die Integration der verschiedenen Sparten innerhalb des Hauses noch immer optimierungsbedürftig ist, so ist die Wirkung nach außen bis hinein ins Union Viertel nicht zu übersehen; das U sieht nicht nur aus wie ein leuchtender Meilenstein, es ist auch Sinnbild für die Erfordernis von mutigen politischen Visionen;
womit wir beim See und Phoenix West sind, die ich aber nicht ohne Erwähnung der Internationalen Bauausstellung Emscherpark ins Rennen schicken kann; dieser überregionale, ruhrgebietsweite Planungsprozess war der Beginn einer Wende in der Selbstwahrnehmung unserer industriellen Vergangenheit; was der Nation über 100 Jahre lang den Wohlstand und der Region die städtebauliche Deformation gebracht hat, wurde von Karl Ganser, dem Kopf der IBA, in ihren architektonischen Qualitäten erkannt; die Bauten der industriellen Vergangenheit wie das U, die Hochöfen auf Phoenix West, der Gasometer, Zeche Zollern oder die Kokerei Hansa als das zu erkennen, was die Schlösser und Burgen anderer Regionen sind, nämlich ihre Attraktionen, war nicht überall ganz einfach zu vermitteln und an vielen Stellen hat es leider nicht geklappt, sonst gäbe es vielleicht heute noch viel mehr solcher schönen Plätze wie desjenigen zwischen dem Schalthaus 101 und dem ehemaligen Reserveteillager an der Hochofenstraße auf Phoenix West;

1992 überplante ich mit meiner späteren Büropartnerin im Rahmen unserer Diplomarbeit ganz Hörde, das Stahlwerk im Osten, den Ortskern mit seinen zerfaserten Rändern und das Hochofenwerk im Westen; wir nannten den städtebaulichen Entwurf „Eine Utopie für Dortmund-Hörde“; wir entwickelten einen großen See südlich des Westfalenparks und ein Gewerbegebiet in den alten Hallen des Stahlwerks; wir rissen nichts ab; wir schrieben die Geschichte fort, ließen sie ablesbar für die nachfolgenden Generationen des industriellen Zeitalters; acht Jahre später kam die Stadt auf unsere Ideen zurück und begann mit der Umstrukturierung Hördes; der See als zentrales Element wurde nun zum Kern eines neuen Wohnquartiers, Phoenix West wurde unter Erhalt verschiedener denkmalwürdiger Bauten, insbesondere der Hochöfen, zu einem modernen Gewerbestandort entwickelt;
was für eine Erfolgsgeschichte, die einherging mit der Renaturierung der Emscher und ihrer Zuläufe, sämtlicher kleinen Bäche und Flüsschen, die das Stadtgebiet durchziehen und von deren Existenz man im Grunde fast nichts mehr wusste; auch wenn die Qualität des Gebauten insbesondere in zweiter Reihe am See nicht immer meinen Vorstellungen entspricht, so ist das Konzept großartig, und auch wenn es nicht mehr das ist, was ich selbst damals als Ideal entworfen hatte, denn dazu ist zu viel von der Vergangenheit vernichtet worden und auch für das Wenige, das noch erhalten ist, sind die Zukunftsperspektiven unsicher; was passiert mit den Hochöfen, der Gasgebläsehalle, dem Gasometer, dem Schalthaus?, schon jetzt beginnt die Stadtverwaltung aus Hilflosigkeit an den Rändern der Stahlkonstruktion der Kolosse zu knabbern, anstatt sich zuerst Gedanken über ein Gesamtkonzept zu machen; dabei sind es gerade diese Elemente, die die zahlreichen Besucher auf Phoenix West locken, ganz sicher sind es nicht die dann leider doch häufig monotonen Fassaden der neuen Bürogebäude; es sind die alten Backsteine und die ausgesprochen hohe Qualität der Freiflächen, es ist der sichtbare Umgang mit dem Regenwasser; kennen Sie ein anderes Gewerbegebiet als Phoenix West, das Ziel für touristische Ausflüge ist?, ich nicht;
ja, die Dortmunder Leidenschaft für den Abbruch ist legendär; viele wirkliche Meilensteine, viele meiner früheren Lieblingsgebäude existieren nicht mehr: die Stadt- und Landesbibliothek am Hansaplatz, das Rombergpark Hotel, die Feuerwache aus den 50er Jahren in Hörde; dabei muss es in Zukunft um den Aufbruch ohne Abbruch gehen; das Nachdenken über Architektur und Städtebau muss und wird sich einem grundlegenden Wandel unterziehen; die Meilensteine der Vergangenheit müssen auch die Meilensteine der Zukunft sein und selbst in den Belanglosigkeiten früherer Zeiten muss das Potenzial zu etwas Größerem gesucht werden, denn es ist ganz einfach: unsere Städte sind im Wesentlichen gebaut, es gibt keine Flächenpotenziale mehr, die Herstellung von Baustoffen schadet der Umwelt zu stark; wir müssen also lernen, mit dem Vorhandenen weiterzuarbeiten;
und wir werden das tun; neulich abends war ich auf einer Veranstaltung, einer Buchpräsentation, die ein Lehrstuhl der Architekturfakultät der Dortmunder TU organisiert hatte; sie fand im Superraum an der Brückstraße statt; der Raum war voller Menschen und stickig, die Luft war schlecht, offensichtlich war hier tagsüber etwas Anstrengendes passiert, das war wahrnehmbar, die Atmosphäre war dicht und euphorisch; ich erfuhr, dass zuvor Architekturstudenten und -studentinnen ihre Bachelorarbeiten präsentiert hatten; an den Wänden hingen gerahmte Fotos, die auf den ersten Blick wenig mit Architektur zu tun hatten; es war eine Aufbruchstimmung spürbar, die mich auf dem Rückweg voller Hoffnung und Vorfreude durch die Stadt radeln ließ, denn ich dachte, es wird immer weitergehen, die jungen Menschen werden die Architektur anders betrachten als die Generation, die sich momentan von der Macht des NeuBauens verabschiedet; sie werden lernen, den Wert des Existierenden mehr zu schätzen als ihre Vorgänger; sie werden unter der großen Kuppel der Kunst sitzen und sich in ihr behütet fühlen und sie werden hoffentlich weit weg von Barbarei sein;
Richard Schmalöer
21.März 2024
Agenda Hörde 2035
Im Rahmen des Hörder Brückenfestes 2024, dass der Verein Hörde International gemeinsam mit dem Hörder Stadtbezirksmarketing turnusmäßig organisiert, fand auf dem Platz vor der Hörder Burg im Juni 2024 eine Podiumsdiskussion mit dem Titel Agenda Hörde 2035 statt. Dazu waren Fachleute eingeladen, die sich in ihren Berufen und Funktionen mit dem planenden Blick in die Zukunft befassen, was nicht nur für Architektur, Städtebau oder Mobilität gilt, sondern auch für die Politik. Es ging dabei nicht um neue Wohnungsbauquartiere oder Gewerbegebiete, die in Hörde tatsächlich auf großer Fläche entstanden sind, sondern um Kleinteiliges, um Schwachpunkte im Detail und natürlich um einen Status quo, um ein Zwischenfazit zur Hörder Entwicklung der letzten 25 Jahre, das die Basis für weitere Überlegungen sein muss.
Auf dem Podium diskutierten, von mir moderiert, Michael Depenbrock, CDU, als Bezirksbürgermeister, Elke Frauns, Co-Autorin des Hörder Standortmarketingkonzepts, Prof. Oscar Reutter, Wuppertal Institut, als Mobilitätsexperte und Stefan Szuggat, Dortmunder Planungsdezernent.
Viele Fragen aus dem Publikum drehten sich um den ruhenden Verkehr, das Parken, aber auch die kleinteilige Mobilität und die Aufenthaltsqualität im Zentrum waren Themen von großem Interesse, für die es teilweise interessante Vorschläge zur konkreten Umsetzung gab, die von den Vertretern aus Politik und Verwaltung durchaus anerkannt wurden, nicht jedoch ohne auf die zu überwindenden Schwierigkeiten bei der Realisierung - allgemeiner administrativer und finanzieller Art - hinzuweisen.

Arbeiten an der Bauwende I
Der doppelte Verlust - Ausstellung von Jonathan und Richard Schmalöer im Baukunstarchiv NRW, Frühjahr 2023
Im Rahmen meines Engagements zur Veränderung der Systematik des Bauens, weg von einer konsumistischen Einstellung, bei der Architektur betrachtet wird wie ein Verbrauchsgegenstand, hin zu einem wertschätzenden Umgang mit dem einmal Hergestellten, zu dessen Entstehungsenergie, zu seiner Bedeutung für die städtische Identität, haben mein Sohn Jonathan und ich im Frühjahr 2023 eine Ausstellung im Baukunstarchiv NRW gezeigt, die den Titel trug: Der doppelte Verlust. Die dort gezeigten Fotografien von durch Verwahrlosung und Abriss bedrohter Bausubstanz haben sich in der Folge allerdings lediglich als Anfang einer katastrophalen Menge von ähnlich gefährdeten Bauten herausgestellt, die wir nun gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Grundlagen der Architektur an der TU Dortmund von Matthias Ballestrem dokumentiert haben, um in Form eines Kataloges auf ihren Zustand aufmerksam zu machen. Mit solch studentischen Aufgaben wird das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Veränderungen in der nächsten Generation der Planer und Planerinnen geweckt. Zukünftige Bauaufgaben müssen mit der Erkenntnis beginnen, dass unsere Städte im Wesentlichen gebaut sind und dass nur dort erneuert werden darf, wo es absolut unvermeidbar ist. Rund 230 seit Jahren vernachlässigte oder leerstehende, große Gebäude und über 70.000 qm ungenutzte Büroflächen in Dortmund sind Beleg dafür, dass die Schaffung von 400.000 Wohnungen im Jahr mit der Bestandsertüchtigung beginnen muss.
Arbeiten an der Bauwende II

In Kooperation mit Studierenden des Lehrstuhls für Grundlagen der Architektur von Professor Matthias Ballestrem am Fachbereich Architektur der TU Dortmund haben wir unser Projekt Der doppelte Verlust im Sommersemester 2024 weiterentwickelt. Die Studierenden haben den von uns begonnenen Katalog der verwahrlosten und vom Abbruch bedrohten Bausubstanz fortgeschrieben, Recherchen zu den einzelnen Objekten angestellt und für ein ausgewähltes Gebäudeensemble Umnutzungskonzepte entwickelt. Die Bearbeitung der sieben Atriumhäuser der ehemaligen Gehörlosenschule in Hacheney, die von einem renommierten Planungsteam um Will Schwarz, dem Architekten des Gesundheitshauses und des Florianturms in Dortmund, stammen, hat zu einem ersten Umdenken in Politik und Verwaltung geführt. Auch wenn ein großer Teil des Schulkomplexes abgerissen werden soll, so wird derzeit immerhin geprüft, ob die Atriumhäuser erhalten bleiben. Die Studierenden haben bereits bewiesen, welche planerischen Möglichkeiten sie bieten.
Entwicklung einer alten Hofstelle in Dortmund zu 16 Mietwohnungen in Kooperation mit Jakob und Jonathan Schmalöer.
Planung und Realisierungszeitraum: 2024-2027.
www.hofkorte-dortmund.de

