Meilensteine

Das Programm der Dortmunder Philharmoniker für die Spielzeit 24/25 trug den Titel Meilensteine. Ich wurde gebeten, für das Programmheft einen Text über architektonische Meilensteine unserer Stadt zu schreiben. Die hier zu lesende Version ist die erste Fassung, die im Heft in gekürzter Form erschien.

um Meilensteine soll es gehen, Meilensteine der Architekturgeschichte und des Städtebaus in Dortmund; die Stadt des Gebauten in gewisser Weise mit dem Ort der Musik zu verbinden; wenn ich von dem ausgehe: dem Ort der Musik, der unter seiner Schildkrötenkuppel die Leichtigkeit des Wiederaufbaus und den Optimismus des Wirtschaftswunders miteinander verbindet und damit dem Meilenstein der Vernichtung, der gerade erst elf Jahre zurück lag, als man den Entschluss zum Bau einer neuen Oper fasste, etwas entgegensetzte, dass bis heute Gültigkeit hat: die Kultur muss die Barbarei besiegen; unter diesem Vorzeichen ist die schützende Kuppel ein schönes Bild dafür, welch wichtige Rolle man Architektur und Städtebau als Bestandteil von Stadt und ihrer Gesellschaft zuschreiben muss: sie sind der Ausgangspunkt, sie sind das Skelett, das Fleisch, sie sind die Blutbahnen, sie formen den Körper der Stadt, ohne sie entsteht kein Raum für die Menschen; unter dieser Kuppel also: die Kunst, Musik, Kultur und das Leben;

jede Entwicklungsstufe in der Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte von Behausungen, ist verbunden mit der Sehnsucht nach einem Ort; die Kuppel der Oper symbolisiert auf das Wunderbarste diesen Ort, den geschützten Raum für die Kunst; ich mag sie sehr, diese grüne Kuppel, auch wenn man ihr vor einigen Jahren im vorauseilenden Gehorsam der Brandschutzexperten zwei lächerliche Froschaugen auf den höchsten Punkt ihrer Wölbung gesetzt hat, so als wollten die Zuständigen unter Beweis stellen, dass ihnen jede Sensibilität für das, was im Inneren der Kuppel stattfindet, fehle, so als wollten sie die Ernsthaftigkeit von Kunst und ihrer Bedeutung infrage stellen;

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und so entstehen vielleicht Meilensteine: im ewigen Wechsel von Kultur und Barbarei, die man - wenn man es weniger drastisch mag – auch Gedankenlosigkeit, Gefühllosigkeit, Unkenntnis oder eine Mischung aus vielen ähnlichen Eigenschaften nennen könnte; so wird aus dem prachtvollen Stadtkern der freien Reichs- und Hansestadt aus dem 13. - 15. Jahrhundert erst durch den Krieg und dann durch das Leitbild der autogerechten Stadt ein von einer Tuner-Rennstrecke umschlossenes Zentrum der Belanglosigkeiten und des Asphalts: unsere Innenstadt;

wie anders das mal war, selbst im ersten Aufbruch in die Welt der Großstadt, zu Beginn der Industrialisierung noch; der Wall war eine schön gestaltete Allee, gesäumt von Gebäuden von hoher architektonischer Qualität, aufgereiht wie auf einer Perlenkette der Besonderheiten; ich kann nicht über Meilensteine reden, ohne die verpassten Chancen zu betrauern, aber auch nicht, ohne die noch vorhandenen Optionen auf Schönheit zu erwähnen; den Wall nicht als Boulevard of broken dreams, sondern als wunderbare Flaniermeile mit Aufenthaltsqualität, statt als neunspurige Straße mit Radarfallen zur Geschwindigkeitsbegrenzung zu sehen, das ist eine meiner liebsten Vorstellungen;

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das muss doch möglich sein!, eine Kult-Tour um den Wall mit Oper, Fußballmuseum, Bibliothek und dem U, einem wirklichen Meilenstein, dessen größte Qualität aber im Grunde nicht in seiner Architektur oder den bewegten Bildern der Krone besteht, sondern im Durchhalten des politischen Prozesses der Realisierung; und auch wenn die Integration der verschiedenen Sparten innerhalb des Hauses noch immer optimierungsbedürftig ist, so ist die Wirkung nach außen bis hinein ins Union Viertel nicht zu übersehen; das U sieht nicht nur aus wie ein leuchtender Meilenstein, es ist auch Sinnbild für die Erfordernis von mutigen politischen Visionen;

womit wir beim See und Phoenix West sind, die ich aber nicht ohne Erwähnung der Internationalen Bauausstellung Emscherpark ins Rennen schicken kann; dieser überregionale, ruhrgebietsweite Planungsprozess war der Beginn einer Wende in der Selbstwahrnehmung unserer industriellen Vergangenheit; was der Nation über 100 Jahre lang den Wohlstand und der Region die städtebauliche Deformation gebracht hat, wurde von Karl Ganser, dem Kopf der IBA, in ihren architektonischen Qualitäten erkannt; die Bauten der industriellen Vergangenheit wie das U, die Hochöfen auf Phoenix West, der Gasometer, Zeche Zollern oder die Kokerei Hansa als das zu erkennen, was die Schlösser und Burgen anderer Regionen sind, nämlich ihre Attraktionen, war nicht überall ganz einfach zu vermitteln und an vielen Stellen hat es leider nicht geklappt, sonst gäbe es vielleicht heute noch viel mehr solcher schönen Plätze wie desjenigen zwischen dem Schalthaus 101 und dem ehemaligen Reserveteillager an der Hochofenstraße auf Phoenix West; 

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1992 überplante ich mit meiner späteren Büropartnerin im Rahmen unserer Diplomarbeit ganz Hörde, das Stahlwerk im Osten, den Ortskern mit seinen zerfaserten Rändern und das Hochofenwerk im Westen; wir nannten den städtebaulichen Entwurf „Eine Utopie für Dortmund-Hörde“; wir entwickelten einen großen See südlich des Westfalenparks und ein Gewerbegebiet in den alten Hallen des Stahlwerks; wir rissen nichts ab; wir schrieben die Geschichte fort, ließen sie ablesbar für die nachfolgenden Generationen des industriellen Zeitalters; acht Jahre später kam die Stadt auf unsere Ideen zurück und begann mit der Umstrukturierung Hördes; der See als zentrales Element wurde nun zum Kern eines neuen Wohnquartiers, Phoenix West wurde unter Erhalt verschiedener denkmalwürdiger Bauten, insbesondere der Hochöfen, zu einem modernen Gewerbestandort entwickelt;

was für eine Erfolgsgeschichte, die einherging mit der Renaturierung der Emscher und ihrer Zuläufe, sämtlicher kleinen Bäche und Flüsschen, die das Stadtgebiet durchziehen und von deren Existenz man im Grunde fast nichts mehr wusste; auch wenn die Qualität des Gebauten insbesondere in zweiter Reihe am See nicht immer meinen Vorstellungen entspricht, so ist das Konzept großartig, und auch wenn es nicht mehr das ist, was ich selbst damals als Ideal entworfen hatte, denn dazu ist zu viel von der Vergangenheit vernichtet worden und auch für das Wenige, das noch erhalten ist, sind die Zukunftsperspektiven unsicher; was passiert mit den Hochöfen, der Gasgebläsehalle, dem Gasometer, dem Schalthaus?, schon jetzt beginnt die Stadtverwaltung aus Hilflosigkeit an den Rändern der Stahlkonstruktion der Kolosse zu knabbern, anstatt sich zuerst Gedanken über ein Gesamtkonzept zu machen; dabei sind es gerade diese Elemente, die die zahlreichen Besucher auf Phoenix West locken, ganz sicher sind es nicht die dann leider doch häufig monotonen Fassaden der neuen Bürogebäude; es sind die alten Backsteine und die ausgesprochen hohe Qualität der Freiflächen, es ist der sichtbare Umgang mit dem Regenwasser; kennen Sie ein anderes Gewerbegebiet als Phoenix West, das Ziel für touristische Ausflüge ist?, ich nicht;

ja, die Dortmunder Leidenschaft für den Abbruch ist legendär; viele wirkliche Meilensteine, viele meiner früheren Lieblingsgebäude existieren nicht mehr: die Stadt- und Landesbibliothek am Hansaplatz, das Rombergpark Hotel, die Feuerwache aus den 50er Jahren in Hörde; dabei muss es in Zukunft um den Aufbruch ohne Abbruch gehen; das Nachdenken über Architektur und Städtebau muss und wird sich einem grundlegenden Wandel unterziehen; die Meilensteine der Vergangenheit müssen auch die Meilensteine der Zukunft sein und selbst in den Belanglosigkeiten früherer Zeiten muss das Potenzial zu etwas Größerem gesucht werden, denn es ist ganz einfach: unsere Städte sind im Wesentlichen gebaut, es gibt keine Flächenpotenziale mehr, die Herstellung von Baustoffen schadet der Umwelt zu stark; wir müssen also lernen, mit dem Vorhandenen weiterzuarbeiten;

und wir werden das tun; neulich abends war ich auf einer Veranstaltung, einer Buchpräsentation, die ein Lehrstuhl der Architekturfakultät der Dortmunder TU organisiert hatte; sie fand im Superraum an der Brückstraße statt; der Raum war voller Menschen und stickig, die Luft war schlecht, offensichtlich war hier tagsüber etwas Anstrengendes passiert, das war wahrnehmbar, die Atmosphäre war dicht und euphorisch; ich erfuhr, dass zuvor Architekturstudenten und -studentinnen ihre Bachelorarbeiten präsentiert hatten; an den Wänden hingen gerahmte Fotos, die auf den ersten Blick wenig mit Architektur zu tun hatten; es war eine Aufbruchstimmung spürbar, die mich auf dem Rückweg voller Hoffnung und Vorfreude durch die Stadt radeln ließ, denn ich dachte, es wird immer weitergehen, die jungen Menschen werden die Architektur anders betrachten als die Generation, die sich momentan von der Macht des NeuBauens verabschiedet; sie werden lernen, den Wert des Existierenden mehr zu schätzen als ihre Vorgänger; sie werden unter der großen Kuppel der Kunst sitzen und sich in ihr behütet fühlen und sie werden hoffentlich weit weg von Barbarei sein;

Richard Schmalöer
21.März 2024

Agenda Hörde 2035

Im Rahmen des Hörder Brückenfestes 2024, dass der Verein Hörde International gemeinsam mit dem Hörder Stadtbezirksmarketing turnusmäßig organisiert, fand auf dem Platz vor der Hörder Burg im Juni 2024 eine Podiumsdiskussion mit dem Titel Agenda Hörde 2035 statt. Dazu waren Fachleute eingeladen, die sich in ihren Berufen und Funktionen mit dem planenden Blick in die Zukunft befassen, was nicht nur für Architektur, Städtebau oder Mobilität gilt, sondern auch für die Politik. Es ging dabei nicht um neue Wohnungsbauquartiere oder Gewerbegebiete, die in Hörde tatsächlich auf großer Fläche entstanden sind, sondern um Kleinteiliges, um Schwachpunkte im Detail und natürlich um einen Status quo, um ein Zwischenfazit zur Hörder Entwicklung der letzten 25 Jahre, das die Basis für weitere Überlegungen sein muss.
Auf dem Podium diskutierten, von mir moderiert, Michael Depenbrock, CDU, als Bezirksbürgermeister, Elke Frauns, Co-Autorin des Hörder Standortmarketingkonzepts, Prof. Oscar Reutter, Wuppertal Institut, als Mobilitätsexperte und Stefan Szuggat, Dortmunder Planungsdezernent.
Viele Fragen aus dem Publikum drehten sich um den ruhenden Verkehr, das Parken, aber auch die kleinteilige Mobilität und die Aufenthaltsqualität im Zentrum waren Themen von großem Interesse, für die es teilweise interessante Vorschläge zur konkreten Umsetzung gab, die von den Vertretern aus Politik und Verwaltung durchaus anerkannt wurden, nicht jedoch ohne auf die zu überwindenden Schwierigkeiten bei der Realisierung - allgemeiner administrativer und finanzieller Art - hinzuweisen.

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Podiumsdiskussion Agenda Hörde 2025 (Foto: Benito Barajas)

Arbeiten an der Bauwende I

Der doppelte Verlust - Ausstellung von Jonathan und Richard Schmalöer im Baukunstarchiv NRW, Frühjahr 2023

Im Rahmen meines Engagements zur Veränderung der Systematik des Bauens, weg von einer konsumistischen Einstellung, bei der Architektur betrachtet wird wie ein Verbrauchsgegenstand, hin zu einem wertschätzenden Umgang mit dem einmal Hergestellten, zu dessen Entstehungsenergie, zu seiner Bedeutung für die städtische Identität, haben mein Sohn Jonathan und ich im Frühjahr 2023 eine Ausstellung im Baukunstarchiv NRW gezeigt, die den Titel trug: Der doppelte Verlust. Die dort gezeigten Fotografien von durch Verwahrlosung und Abriss bedrohter Bausubstanz haben sich in der Folge allerdings lediglich als Anfang einer katastrophalen Menge von ähnlich gefährdeten Bauten herausgestellt, die wir nun gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Grundlagen der Architektur an der TU Dortmund von Matthias Ballestrem dokumentiert haben, um in Form eines Kataloges auf ihren Zustand aufmerksam zu machen. Mit solch studentischen Aufgaben wird das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Veränderungen in der nächsten Generation der Planer und Planerinnen geweckt. Zukünftige Bauaufgaben müssen mit der Erkenntnis beginnen, dass unsere Städte im Wesentlichen gebaut sind und dass nur dort erneuert werden darf, wo es absolut unvermeidbar ist. Rund 230 seit Jahren vernachlässigte oder leerstehende, große Gebäude und über 70.000 qm ungenutzte Büroflächen in Dortmund sind Beleg dafür, dass die Schaffung von 400.000 Wohnungen im Jahr mit der Bestandsertüchtigung beginnen muss.

Fotos von Jonathan Schmalöer

Blick in die Ausstellung

Blick in das Publikum bei der Podiumsdiskussion

Arbeiten an der Bauwende II

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In Kooperation mit Studierenden des Lehrstuhls für Grundlagen der Architektur von Professor Matthias Ballestrem am Fachbereich Architektur der TU Dortmund haben wir unser Projekt Der doppelte Verlust im Sommersemester 2024 weiterentwickelt. Die Studierenden haben den von uns begonnenen Katalog der verwahrlosten und vom Abbruch bedrohten Bausubstanz fortgeschrieben, Recherchen zu den einzelnen Objekten angestellt und für ein ausgewähltes Gebäudeensemble Umnutzungskonzepte entwickelt. Die Bearbeitung der sieben Atriumhäuser der ehemaligen Gehörlosenschule in Hacheney, die von einem renommierten Planungsteam um Will Schwarz, dem Architekten des Gesundheitshauses und des Florianturms in Dortmund, stammen, hat zu einem ersten Umdenken in Politik und Verwaltung geführt. Auch wenn ein großer Teil des Schulkomplexes abgerissen werden soll, so wird derzeit immerhin geprüft, ob die Atriumhäuser erhalten bleiben. Die Studierenden haben bereits bewiesen, welche planerischen Möglichkeiten sie bieten.

Entwicklung einer alten Hofstelle in Dortmund zu 16 Mietwohnungen in Kooperation mit Jakob und Jonathan Schmalöer.

Planung und Realisierungszeitraum: 2024-2027.


www.hofkorte-dortmund.de


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